Peter Weibel

Power to the People: Images by the People

Die visuellen Medien waren die Medien der klassischen Funktion der Kunst, nämlich der Repräsentation. Die Ersetzung der visuellen Medien durch soziale Medien bedeutet Handlung statt Repräsentation, Teilhabe und Partizipation statt Rezeption, Benutzen statt Betrachten.  Wer im Netz kommuniziert, Bilder und Texte verschickt, agiert. Er ist Teil eines Netzwerkes von sozialen Akteuren. Wir sprechen heute nicht mehr von visual media, sondern von social media.

Die Theorie und Praxis der Partizipation und der Interaktivität zwischen Besucher und Kunstwerk stehen im Mittelpunkt des museologischen Konzeptes des ZKM. Das ZKM versteht sich als ein performatives Museum, als ein Mitmachmuseum, das die Mitmachgesellschaft, eine durch Bürgerbeteiligung geprägte Demokratie, spiegelt. Die Macht der Bilder und ihre Veränderung durch die technischen Trägermedien gewinnt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle, führt sie doch zu einer überaus interessanten Entwicklung, die heute jeden von uns betrifft.

Während Jahrtausenden herrschte die Macht der Buchstaben und Bücher. Ihre Macht war so groß, dass sie, wie die Heilige Schrift, sogar heilig gesprochen wurde. Die Buchstaben und Bücher bilden von der Bibel bis zu Machiavelli die Belletristik der Macht. Mit dem Auftauchen von Bild- und Reproduktionstechniken verloren die Buchstaben, die Schrift, das Monopol der Macht.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, mit dem Auftauchen der Fotografie, hat die Macht der Bilder zugenommen. Mit der Fotografie traten wir nämlich „ins Universum der technischen Bilder[1] ein. Es entwickelten sich aus der Fotografie die visuellen Medien Film, Fernsehen, Video, Computer. Damit verlor die Malerei das Monopol der Bildherstellung, aber gleichzeitig entstanden viel mehr Medien der Bildproduktion, von der menschlichen zur maschinellen Bildproduktion. Die Macht der Bilder wurde größer, weil neben der Malerei die neuen Medien in verstärktem Maße Bilder produzierten. Das Kunstbild verlor an Macht, weil es lokal gebunden blieb. Die Bilder der neuen Medien folgen der Logik der Distribution. Sie sind vervielfältigbar, verteilbar und werden von einer Vielzahl von Empfängern fast gleichzeitig an vielen Orten rezipiert. Von Malern hergestellte Bilder gelangen nur dann in die Öffentlichkeit, wenn sie in technische Bilder, in Medienbilder umgewandelt werden, z.B. in Postkarten oder in Fotografien in Büchern. Fotografien sind von vornherein als Abzüge von Negativen multiplizierbar. Fotografien und Filme werden von Zeitungen oder Fernsehstationen ununterbrochen an allen Orten der Welt distributiert. Die Mehrheit der öffentlichen Bilder stammt daher nicht mehr aus der Kunstwelt und wird auch nicht mehr mehrheitlich von Einzelpersonen erzeugt.

Um 1950 entstand die Einsicht, dass die visuellen Künste nicht kongruent sind mit dem Reich der Bilder. Hundert Jahre nach der Erfindung der Fotografie und dem Siegeszug der technischen Bilder in den Massenmedien wurde klar, dass die visuelle Kultur mehr umfasst als die visuellen Künste. Das Reich der Bilder explodierte durch die Massenmedien. Es entstanden über Jahrzehnte unendlich viele Bilder, Naturbilder, Bilder von Katastrophen, von Unfällen, von Politikern, von Schauspielern, von Tieren, von Konsumgütern, von Produkten, Städten, Fabriken, Menschen, die alle nichts mit der Kunst zu tun hatten. Ein neues Fach wurde also notwendig, nachdem klar war, dass die Geschichte der Bilder nicht nur die Geschichte der Malerei ist, sondern das Universum der Bilder weit über die Malerei hinaus geht. Für dieses neue Universum der Bilder, das in den 80er Jahren durch das Auftauchen der bildgebenden Verfahren in der Naturwissenschaften, von der Medizin bis zur Mathematik noch weiter expandierte, wurde der Begriff visual culture eingeführt. Obwohl die akademische Auseinandersetzung zwischen den visual arts und der visual culture erst in den 80er Jahren begann, wurden die Grundlagen für die Debatte bereits 1950 gelegt. Seit der Collage der Kubisten und Dadaisten ist in die Kunst populäres massenmediales Bildmaterial eingedrungen. Aber deutlich wahrnehmbar wurde die populäre Bildkultur erst durch die Pop Art. Eduardo Paolozzi’s Collage I was a Rich Man’s Plaything (1947) wird als erstes Beispiel der Pop Art betrachtet, zumindest der britischen Pop Art, die zehn Jahre vor der US Pop Art entstand. Paolozzi zeigte diese Collage 1952 als Teil seiner Serie Bunk! in London im Rahmen der Independent Group, der auch Richard Hamilton angehörte, dem wir die weltberühmte Collage Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing? (1956) verdanken. Beide Collagen verwenden und zeigen übrigens das Wort ‚pop.’ Nahezu zeitgleich hat in Kanada ein junger Professor für Literatur einen äußerst mutigen Schritt gewagt: er analysierte nicht weiter wie bisher die Hochkultur, sondern die populäre Kultur. In The Mechanical Bride. Folklore of Industrial Man untersuchte Marshall McLuhan 1951 anhand von ausgewählten Reklamebildern und -texten die Auswirkungen von Werbung auf Gesellschaft und Kultur. McLuhan analysierte also nicht Kunstbilder, keine Bilder der Kunstgeschichte, sondern Werbebilder, um Aussagen über die Gesellschaft treffen zu können. Die visuelle Kultur der Massenmedien schien ihm also geeigneter zu sein als die Bilder der Kunstgeschichte, um die Zeit zu diagnostizieren. Mit diesem Werk beginnt die eigentliche Pop Philosophie und die Erforschung der visual culture.

Der Aufstieg des Bildes durch die Massenmedien hat nicht nur (mit McLuhan) die Medientheorie begründet, sondern insgesamt eine neue Philosophie des Bildes, von Martin Heidegger bis Jean Baudrillard, von Günther Anders bis Vilem Flusser, hervorgebracht. Von den Bildern der Kunstgeschichte zu den Bildern der visuellen Massenmedien, von den visuellen Künsten zur visuellen Kultur sehen wir eine einzige via triumphalis des Bildes. Damit beginnt eine Kette von Monopolverlusten.

Die Maler, die visuellen Künstler, die Hersteller des Kunstbildes, verloren das Monopol des Bildes an die Fotografen, die Film- und Videokünstler, die Computerkünstler, an die Hersteller und Verteiler der technischen Bilder, und an die visuellen Massenmedien. Mit dem Auftauchen des Internets, der Krönung der Logik der Distribution, verlieren die Massenmedien und deren Besitzer das Monopol des Bildes. Die visuellen Massenmedien verlieren das Monopol der Herstellung und Verteilung von Bildern an die Benutzer der sozialen Netze. Durch die technischen Medien verliert die Klasse der Künstler ihr Monopol der Kreativität: „Jeder Mensch ist Künstler,“ behauptet Joseph Beuys 1970 und definiert damit diesen Monopolverlust. Im Internet kann jeder seine Kreativität unter Beweis stellen und seine Texte und Bilder für eine weltweite Gemeinschaft öffentlich zur Verfügung stellen. Die Massenmedien haben ihr Monopol der Distribution verloren. Deswegen sprechen wir heute nicht mehr von visual media, sondern seit 2004 von social media. Soziale Medien sind jene Medien, mit denen die Benutzer am Verteilungsprozess selbst teilnehmen können. Die Teilnehmer des Netzes stellen die Vorstellung nun selbst her, sie nehmen Teil an der Macht der Repräsentation. Indem ihre Herstellung verteilt wird, verlieren die Bilder an Macht. Wenn in der visuellen Kultur der Massenmedien „the medium is the message“ (McLuhan) galt, so gilt in den sozialen Medien „jeder ist Sender“ (Peter Weibel). Indem das ‘Volk‘ die Bilder selbst produziert und distributiert, übernimmt das ‚Volk‘ die Macht der Repräsentation. Die paradoxe Aussage, das Grundgesetz der Demokratie: „Das Volk ist der Souverän“ hat sich in der Praxis der Parteiendemokratie noch nicht erfüllt. Aber indem das ‚Volk‘ beginnt, Bilder selbst herzustellen, geht es über seinen Modus der Darstellung und bloßen Repräsentation hinaus. Das ‚Volk‘ lässt sich nicht mehr repräsentieren und darstellen durch Bilder von anderen, sondern stellt sich durch seine eigene Bilder dar. Zumindest auf der Stufe des Bildes, zumindest im Reich der Bilder, beginnt das ‚Volk‘ an der Macht teilzuhaben. Zumindest im Reich der Bilder wird das ‚Volk’ zum Souverän. Bild und Macht, Kunst und Macht stehen in einer neuen Gleichung, in einer neuen Beziehung zueinander. Man ist versucht zu sagen, die sozialen Medien brechen die Macht der Bilder der visuellen Medien. Die performative Macht wird verteilt.[2] Alle lernen, wie mit Bildern und Worten Dinge gemacht werden können. Die Macht der Buchstaben und die Macht der Bilder verteilen sich und verdampfen in den sozialen Medien, in denen alle handeln können, anstatt nur repräsentiert zu werden.

Die Emphase auf der Besucherbeteiligung in partizipativen und interaktiven Kunstwerken in performativen Museen wie im ZKM, abwertend genannten ‚Mitmachmuseen’, ist in Wahrheit das Modell für die kommende ‚Mitmachgesellschaft’, die Emphase der Bürgerbeteiligung in der Demokratie.

Text: Peter Weibel

[1] Vilem Flusser: Ins Universum der technischen Bilder, Göttingen 1999.
[2] J.L.Austin: How to do things with words, 1961.
  • Dean Earwicker
    August 23, 2012 //

    Die Frage ist ja jetzt, wie sich die hier beschriebene gesellschaftliche Transformation tatsächlich auf die Institution Museum, und spezifisch das ZKM, auswirkt. Die Hervorhebung der “Partizipation und der Interaktivität zwischen Besucher und Kunstwerk” am Textanfang deutet das Dilemma ein wenig an – der Einbezug von Akteur_innen bleibt auf eine künstliche Situation zwischen Mensch und Kunstwerk beschränkt, die vom menschlichen Miteinander im Alltag und zugleich von den Machtverhältnissen innerhalb der Institution isoliert bleibt. Wenn PW so konkret die Veränderung soziopolitischer (und eventuell geopolitischer) Machtstrukturen meint, müsste dies doch weit über ein solches isoliertes Verhältnis Mensch-Museumsobjekt hinausreichen. Es kann dann nicht länger um ein durch die bestehenden institutionellen Machtstrukturen genehmigtes “Mitmachen-Dürfen” gehen, sondern auch um eine Mitbestimmung daran, was dieses Mitmachen im Museum bedeutet. Ansonsten besteht die Gefahr, dass hier genau das passiert, was PW oben selbst als nicht erfülltes Versprechen der Parteiendemokratie kritisiert; dass Du als Besucher_in im Museum zwar etwas “wählen” darfst, diese Interaktion aber ohne Konsequenz bleibt.

    Oder, wenn wir die gesellschaftliche Transformation und das Empowerment bereits als vollzogen betrachten: Welche Notwendigkeit besteht noch für das Museum, wenn “das ‘Volk‘ die Bilder selbst produziert und distributiert” (Zitat PW)? Ich meine das alles nicht als Kritik am ZKM selbst, frage mich aber, welche programmatischen und strukturellen Folgen mit einem derartig politisch aufgeladenen Text wie dem obigen einhergehen müssten.

    • Peter Weibel
      August 7, 2013 //

      Natürlich ist es richtig, dass das Mitmachendürfen im Museum sozial nicht umfassend genug ist. Mitbestimmung ist in der Tat mehr als Mitmachen im Museum. Andererseits, wenn ich selbst nicht im Museum damit anfange, wie könnte ich es dann von der Gesellschaft fordern. Demnächst gibt es einen weiteren Versuch, auf Ihre Frage zu antworten, nämlich die Ausstellung “Global Activism” ab 14. Dezember im ZKM | Museum für Neue Kunst.

  • CP
    September 24, 2012 //

    Neulich war ich mit meinen Söhnen (17 und 7 Jahre alt) in der SoundArt-Ausstellung. Die Jungs liefen schon mal voraus und fanden Gefallen an Reiterers ‘Life counts death’. (http://soundart.zkm.de/life-counts-death-2008-werner-reiterer/)
    Kaum war das »wuchtige Glockengeläut« erklungen, kam auch schon ein Museumswärter angerannt und raunzte sie an, das bleiben zu lassen.
    Meinerseits bin ich stolzer Besitzer der Sampler-Version des »Cristal Baschet« und hätte gern einmal Hand angelegt am Original. Wo sonst könnte man das tun? Mitteilung der Aufsichtsperson: die Künstler wünschten, dass das Stück nicht berührt würde. (Dabei dürften die Glasstäbe, die man mit feuchten Fingern in Schwingung versetzt, ohne den Einsatz zustätzlichen Werkzeugs ziemlich unkaputtbar sein.) Ich suchte auch vergeblich nach einem Aushang, wann das vielleicht unter Aufsicht eines Musikwissenschaftlers oder dergleichen trotzdem einmal möglich wäre.
    Tja, da kann PW viel schreiben – wenn sich das eigene Haus dermaßen »museal« im schlechten Sinn des Wortes aufführt, wird das auf absehbare Zeit wohl nichts mit dem »Mitmachmuseum«. (Ich weiß, ich weiß – die Pointe war ja auch nicht, dass man etwa in die Lage versetzt wird, eigene Erfahrungen mit ungewöhnlichem Material zu machen, sondern dass man »handelt«, indem man Bytes auf irgendwelche Plattformen hochlädt, völlig gefahrlos für die auratischen Ausstellungsstücke…)

    • Redaktion
      September 26, 2012 //

      @ CP: Vielen Dank für Ihr Feedback zur Ausstellung »Sound Art«. Wir werden diesen Hinweis an die entsprechende Ansprechperson weitergeben und hoffen, Sie und Ihre Kinder auch zukünftig in unserem Haus begrüßen zu dürfen.

  • Juergen Linde
    Juli 31, 2013 //

    Amazon ist Sender (Einspruch)
    (Zitat aus dem Text von PW):
    “Die Teilnehmer des Netzes stellen die Vorstellung nun selbst her, sie nehmen Teil an der Macht der Repräsentation. Indem ihre Herstellung verteilt wird, verlieren die Bilder an Macht. Wenn in der visuellen Kultur der Massenmedien „the medium is the message“ (McLuhan) galt, so gilt in den sozialen Medien „jeder ist Sender“ (Peter Weibel).”

    Dies beschreibt exakt die Logik des Netzes, das Potentaial des Netzes. Nicht aber die Wirklichkeit. Denn hier sind die User des Social Network mehr als in irgendeinem Broadcasting-Medium zuerst und vor allem (“gläserne?”) Konsumenten. Eher nützliche Idioten als souveräne Bürger. Nicht jeder ist Sender, vielmehr gilt(u.a.):
    Amazon ist Sender.
    Juergen Linde, kunstportal-bw

    • Peter Weibel
      August 7, 2013 //

      In der Tat, Amazon ist Sender. Die Provider sind die neuen Herren. Aber zumindest muss man darauf aufmerksam machen, dass jeder Sender sein könnte. Die Globalisierung bietet der Kunst einen Ausbruch aus der um sich selbst kreisenden Moderne.

  • Juergen Linde
    August 8, 2013 //

    Jeder könnte Sender sein – das ist, natürlich, unstrittig.
    Jeder kann auch in eine Partei eintreten, für den Gemeinderat kandidieren und die Welt mitgestalten. Ich will jetzt nicht zynisch werden: sicher ist die Hemmschwelle zur Beteiligung online viel geringer und doch greift hier die Dialektik des Massenmediums: wenn alle mitmachen, wenn jeder seinen Blog schreibt (und dann dessen einziger Leser ist), ist der einzelne Beitrag schlicht sinn- und wirkungslos.
    Die “um sich selbst kreisende Moderne” (sehr gutes Bild) entpuppt sich dann schnell als Strudel, der einen Ausweg suggeriert und gleichzeitig verhindert.
    Wo bleibt bitte das Positve?
    Wir brauchen moderierte Blogs (insofern: “Neue Medien”) zu den verschiedensten Themen, um den sich beteiligenden Menschen Motivation und ihren “Posts” (die Chance auf) Relevanz zu geben.

    Jürgen Linde, kunstportal-bw

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