Diskussion zur Ausstellung

Mirko Jungkunz zu »ARTandPRESS«

Ich möchte zwei Punkte kommentieren, die im Videostatement von Peter Weibel zur Sprache kamen: Die Einbettung der Zeitungskrise in eine politische Dimension und die Verbindung von Kunst und Kadaver.

Ich denke an Zeitungsleser und muss eingestehen, dass es mir schwer fällt, mir einen bestimmten Typ Mensch vorzustellen, der seine Charakteristik und versinnbildlichte Ausgestaltung eben durch die Tatsache seines Zeitungslesens gewinnt. Vielleicht erscheinen noch französische Existentialisten, die rauchend und diskutierend, immer bewaffnet mit der neuesten Ausgabe einer französischen Tageszeitung in einem Pariser Straßencafé ihre Zeit mit Gesprächen über das Sein verbringen. Vielleicht sagt auch Schopenhauer ‘Guten Tag’, wenn er sich überwinden kann kurz von seiner täglichen Studie einer Londoner Tageszeitung abzulassen. Vielleicht aber auch finde ich mich an einem Tisch mit dem spießbürgerlichen Frühstückszeitungsleser, dem jede noch so belanglose Zeile tausendmal sympathischer erscheint als ein Wort seines Gegenübers. Für viel mehr bietet der Begriff „Zeitungsleser“ in meinem Kopf nur wenig Anlass zur Vorstellung.

Ganz anders erscheint das Panorama an Lebensentwürfen, Styles, Traumbildern und ästhetisch durchformten Daseinsweisen, das sich im Produktkatalog der Neuen Medien manifestiert. Wir bewegen uns im Argumentationsgang ästhetisierter Konsumlebenswelten, so wie sie beispielsweise Wolfgang Welsch in seinen „Grenzgängen der Ästhetik“  (Welsch, Wolfgang, Grenzgänge der Ästhetik, Ditzingen, 1996) oder Wolfgang Ulrich in seinem „Habenwollen“ (Ulrich, Wolfgang, Habenwollen, Frankfurt a. M., 2006) beschreibt. Ästhetisch relevante Kriterien verbürgen die sinnstiftende Funktionalität des Mediums insofern sie die egozentrische Tendenz verstärken und als Lückenfüller einer entleerten Persönlichkeit fungieren.  Im Resultat hat diese Entwicklung zu einer Veränderung im Nutzungsverhalten des Menschen geführt, die auch vor dem Medium Zeitung nicht Halt machte. Die Zeitung als Plattform einer diskursorientierten Wissens- und Informationsvermittlung eignet sich nur schwer dazu, mit ästhetisch aufbereiteten Bedeutungsinhalten jenseits ihrer eigentlichen Aufgabe versehen zu werden. Dies und weniger der Verlust einer gesellschaftsrelevanten politischen Dimension der Zeitung scheint mir ein Grund zu sein, der für die Krise der Zeitung und ihrer Auflagenzahlen verantwortlich gemacht werden kann.

Wahrheit und Kunst im klassischen Sinn verbinden sich dann, wenn Kunst dem Menschen einen handlungsleitenden Impuls für die sinnvolle Ausgestaltung  von Gemeinsamkeit bieten kann. „Denn die Kunst ist nicht für einen kleinen abgeschlossenen Kreis weniger vorzugsweise Gebildeter, sondern für die Nation im Großen und Ganzen da.“ (G.W.F. Hegel: Ästhetik. Band I und II. Berlin und Weimar, 1965). Sie dient als Anlass zur Reflexion und endet im Erkenntnisgewinn. Wie viele Dimensionen der Kunstschaffenden und der Kunstwerke in dieser idealistischen Definition ausgeblendet werden hat die Kunst selbst bewiesen und wie fatal die Annahme einer Wahrheit im Prozess der Sinnstiftung ist, zeigt die oben angedeutete Diskussion der Ästhetisierung von Lebenswelt.

Laden die Kadaver der Wirklichkeit dann zur künstlerisch gestalteten Trauerfeier ein, auf welcher der Endgültigkeit des Todes in intelligenten und unterhaltenden Bildern gehuldigt wird? Oder spricht die Affinität der Kunst zu Kadavern eher für die ihr eigene Kraft der Revitalisierung? Die Kunst bleibt in dieser Frage indifferent. Sie verstärkt die Fragwürdigkeit ihres Sujets und wirft es mit der Macht ihrer Darstellung auf den Einzelnen zurück. Mit der Ausstellung »ARTandPRESS. Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit.« im ZKM | Karlsruhe vereint sich, was abstrakt als Gegensatz von Kunst und ästhetisch durchformter Darstellung versus inhaltsorientiertem, rational geprägtem Informationsaustausch aufgefasst werden kann. Dass dieser Gegensatz auch prinzipieller verstanden werden kann und als gestaltendes Moment der unterschiedlichsten Lebenswelten wirkt, verstärkt die Aktualität der Ausstellung.

 

Mirko Jungkunz (*1976) studierte Philosophie, Geschichte und Andragogik in Bamberg. Neben seiner Tätigkeit im Bereich Erwachsenenbildung, ist er als freier Dozent im Fach Philosophie tätig und unterrichtet außerdem hochbegabte SchülerInnen in Philosophie. Darüber hinaus ist er als Musiker an verschiedenen Projekten beteiligt.

Foto: © Mirko Jungkunz

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