Gastkünstler im Gespräch

Interview mit Eric Lyon

Der US-amerikanische Komponist Eric Lyon ist beim Giga-Hertz-Preis 2011 mit einem Produktionspreis geehrt worden. Grundlage war die von ihm eingereichte Komposition „Clusters – First Movement“, ein achtkanaliges Stück bestehend aus computergenerierten Klavierklängen. Im August 2012 war Lyon am Institut für Musik und Akustik um eine Weiterentwicklung des Originalwerks fertig zu stellen.

Eric Lyon (Jahrgang 1962) ist ausgebildeter Violinist. Im Alter von 11 Jahren kam ihm die Idee, Komponist werden zu wollen. Initialzündung hierfür war das Hörerlebnis des Werkes Fünf Stücke für Streichorchester op. 44 Nr. 4 von Paul Hindemith während einer Autofahrt mit seinem Vater im Radio. Gefragt nach der Musik antwortete sein Vater sinngemäß, dass es sich hierbei um einen modernen Komponisten handele, der schwierige und dissonante Musik schreiben würde. Lyon: „Von da an war ich angefixt, ich wollte mehr von diesem ‚schwierigen’ Zeugs hören, weil es mich einfach sehr stark emotional berührte.“ In der Folge versuchte Eric Lyon möglichst viele Aufnahme moderner Komponisten zu hören, besonders ans Herz wuchs ihm die Musik von Elliot Carter und Iannis Xenakis. Immer war der Zugang für ihn ein emotionaler – eine Tatsache, die später auch für das eigene Komponieren prägend werden sollte. Lyon: „Die Kritik an zeitgenössischer Musik formuliert oft, dass sie zu intellektuell sei. Für mich sind aber Intellekt und Emotion nicht trennbar, es gehört beides zusammen. Ein Stück mit einer komplizierten Struktur oder fremdartigen Klängen muss mich packen und berühren, erst dann weiß ich es zu schätzen.“

Seine ersten Gehversuche als Komponist gingen vom frühen emotionalen Erleben der Hindemithschen Klangwelt aus. Mit einem Kassettenrekorder nahm Eric Lyon sein eigenes Geigenspiel auf, spielte die Aufnahme anschließend ab und spielte eine weitere Stimme direkt dazu. Der Antrieb war ein spielerisch-emotionaler: Der junge Komponistenforscher wollte entdecken, wie notierte Ideen tatsächlich klingen. „Ich war überwältigt von der Schönheit der Erfahrung. Du schreibst etwas auf mit einer bestimmten Vorstellung und Idee im Kopf und hörst dann in der Ausführung wie es tatsächlich klingt. Sicher waren meine ersten Versuche als kleiner Junge primitiv und einfach, aber diese Erfahrung ist immer noch einer der wichtigsten Aspekte, die ich am Komponieren schätze.“

Eric Lyon wollte vor allem Instrumentalmusik komponieren, wurde aber aufgrund seiner „young composer’s megalomania“ (Lyon) regelrecht gezwungen, sich der elektronischen Musik zuzuwenden – es gab kaum Instrumentalisten, die seine frühen Stücke spielen konnten oder wollten. Im Tanglewood Summer Camp der Boston University und auf dem Aspen Music Festival traf er als junger Komponist auf Musiker, die zu echten Weggefährten werden sollten, wie den Gitarristen Seth Josel. Eric Lyon studierte Komposition an der Princeton University unter Paul Lansky, sowie an der Eastman School of Music und an der University of California, San Diego.  In seiner Zeit in Princeton in den 1980er Jahren entdeckte er die Musik von Karlheinz Stockhausen. Dort verfolgte er mit einer Gruppe junger Enthusiasten die Idee einer Computer-Musik als Erweiterung der Instrumentalkomposition. Lyon erinnert sich an die mühsamen ersten Schritte dieser neuen Kompositionstechnologie. „Man saß in Princeton in einem Computerraum an einem Terminal und erstellte seine Partitur. Diese übergab man an einen Experten, der die Notation ‚übersetzte’ und auf Tape überspielen ließ. Dann musste man 15 Minuten quer über den Campus laufen und in einem Gebäude mit Abhörstation sich das Tape mit der gerade komponierten Musik vorspielen lassen. Ein sehr mühsames und langwieriges Verfahren.“  Trotzdem reifte in dieser Zeit Lyons Idee des Komponierens mit Sound, der Versuch die Möglichkeiten der Klangbearbeitung eines bestimmten Ausgangsmaterials mit elektronischen Mitteln voll auszuschöpfen. Während seiner Studien an der Eastman School in Rochester formte sich dann Lyons theoretisches Interesse durch die Entdeckungen der Schriften von Heinrich Schenker (1868-1935). „Schenker wurde damals in den USA stark rezipiert, vermutlich weil einige seiner Schüler hierher emigriert waren. Auch wenn er als Figur sicher nicht unproblematisch war, hat mich doch sein Grundsatz von der „organic unity of tonal music“ sehr fasziniert. Im Wesentlichen besagt dieser, dass nicht die Harmonien die Grundlage der tonalen Musik sind sondern der Kontrapunkt. Zu dieser Auffassung kommt er durch die Analyse der  großen musikalischen Form, die er immer weiter reduziert und auf Grundstrukturen festlegt. Diesen Gedanken fand ich für mein Komponieren äußerst wertvoll.“

Am Institut für Musik und Akustik stellte Eric Lyon sein neues Werk fertig, das eigentlich den Titel „Clusters – Movement 2“ tragen sollte. Gedacht war dieses Stück als eine Fortsetzung des Werkes „Clusters – First Movement“, bei dem vorab aufgenommene Klaviersounds per Computersteuerung kombiniert und auf acht Lautsprecher im Raum verteilt wurden. Lyon hatte vor, für das zweite Movement die Verteilung der Klänge im Raum zu verfeinern. Doch in der Bearbeitung der Klänge selbst entwickelte das Stück ein Eigenleben und brachte ihn in eine völlig andere Richtung. Durch Timestretching klangen die Klaviersounds plötzlich sehr dunkel und diffus und schufen ihren eigenen Ereignisraum. Diesen Raum hat Eric Lyon dann weiter durch Klangbearbeitung moduliert und gestaltet, der Kubus des ZKM wurde dabei zum Instrument, das diesen Klang-Erlebnis-Raum entstehen lässt. In der Konsequenz dieser Arbeit änderte Lyon den Titel des Stückes auf „Spirits“: „Ich wollte einen Traum-ähnlichen Zustand schaffen, bei dem die Klänge durch die Hörer hindurchfließen und das Gefühl für Zeit aufgehoben wird.“ Die Uraufführung von „Spirits“ ist am 22.11. im ZKM_Kubus im Rahmen des IMATRONIC / Piano+ live zu erleben.

Prägend war für Eric Lyon auch ein mehrjähriger Aufenthalt in Japan und der Kontakt zur dortigen Musik und Kultur. Der Perspektivwechsel befreite ihn gewissermaßen als Komponist und er ließ nach eigenen Aussagen einige der Vorurteile und gefestigten Ideen über Musik hinter sich. Das Interesse an der Integration von Noise in seine Musik rührt zum Beispiel aus der „japanischen Periode“. Auch das Kunstverständnis, welches sich in einer völlig abstrakten, formalistischen Musik formulieren kann geht auf die Zeit in Fernost zurück. Eric Lyon formuliert es so: „Musik soll uns geistig erbauen, kann uns spirituell stärken. Sie tut das, wenn starke Ideen in ihr stecken, wenn sie kraftvoll ist. Es geht nicht so sehr um Ausdruck oder darum zu beeinflussen, was das Publikum beim Hören meiner Musik fühlen soll. Zumal man dies eh nicht steuern kann.“

Deshalb verzichtet Lyon auch gänzlich auf eine „Message“ oder strenge politisch-thematische Bezüge in seiner Musik. Ihm geht es primär um die Erweiterung des Klangs, egal ob in seinen Werken für Ensemble und Orchester oder in den rein elektronischen Stücken. Lyon ist seit Jahren aktiv an der Weiterentwicklung der verschiedensten Software-Tools für Komponisten beschäftigt und spricht als Theoretiker der Klangerweiterung auf internationalen Konferenzen.  Er unterrichtet Computer-Musik an der School of Creative Arts der Queen’s University in Belfast. Er arbeitetet sowohl mit klassischen Musikern und Ensembles zusammen als auch als Performer seiner eigenen Stücke; oft mit Musikern jenseits der Neue Musik-Szene, wie z.B. Zbigniew Karkowski.

Text & Foto: Till Kniola

Eric Lyons Website: http://www.somasa.qub.ac.uk/~elyon/

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