Gastkünstler im Gespräch

Interview mit Andrea Vigani

Der italienische Komponist Andrea Vigani (geb. 1970) hat eine enge Beziehung zum ZKM, täglich ist ein Werk von ihm zu hören! Vigani hat eine Komposition zur Arbeit „Sounding Door“ von Julijonas Urbonas beigesteuert, die immer dann erklingt, wenn Besucher die Türoffnung am Haupteingang des ZKM betätigen.

Im August war Andrea Vigani in den Studios des Instituts für Musik und Akustik zu Gast. Als Giga-Hertz-Produktionspreisträger arbeitete Vigani an der Fertigstellung eines neuen Werkes, das im November 2012 im Rahmen des IMATRONIC_extended Festivals und der Feierlichkeiten rund um den Giga-Hertz-Preis 2012 im ZKM uraufgeführt werden wird.

Das Stück trägt den Titel „Le Grand Carrion“ und thematisiert die Möglichkeit, klassische Instrumentalklänge durch den Einsatz von Elektronik und durch das Komponieren im Raum zu erweitern. Andrea Vigani geht als ausgebildeter Violinist dabei mit größtem Respekt vor der Geschichte des jeweiligen Instruments zu Werke – im Falle von „Le Grand Carrion“ dem Piano. Vigani: „Mir geht es um die Erweiterung des Instrumentenklangs und dabei um einen neuartigen Umgang mit Live-Electronics. Bisherige Ansätze setzen die Formel „Instrument + Electronics“ um; in meinem Verständnis fügen sich beide ästhetischen Ansätze zu einem gemeinsamen neuen Klang.“

In „Le Grand Carrion“ soll es vor allem darum gehen, dass der Hörer des Stücks durch vertrackte Raumkomposition im Innern des Klangs landet. Man soll quasi das Gefühl haben IM Klavier zu sein, ganz nah an der Entstehung der Klänge im Instrument selbst. In dieser Hinsicht ist „Le Grand Carrion“ eine Erweiterung eines vorherigen Stücks („Nice To Meet You“) für Klavier und Live-Electronic – eben ergänzt um den Parameter Raum und speziell zugeschnitten auf die Möglichkeiten des Klangdoms. Vigani beschreibt den Vorläufer „Nice To Meet You“ wie folgt: „In diesem Stück kontrolliert der Interpret die Elektronik. Der Interpret spielt nur den Korpus des Flügels: Klopfen, Reiben, Streicheln, etc. Es werden drei Mikrofone an bestimmten Positionen des Korpus platziert, mittels denen die Geräusche an einen Rechner übertragen werden und dort eine akusmatische Komposition steuern. Diese Komposition ist charakterisiert durch etwas, was ich ‚real-time-constructed-form’ nenne. Dadurch, dass sowohl die Handlungen des Performers als auch die elektronischen Klänge im Rechner genau festgelegt sind, gibt es Abweichungen in den verschiedenen Aufführungen nur in dem Sinne, in dem auch eine Interpretation aus dem klassischen Repertoire von einer anderen Interpretation abweicht. Nur das Stück wird halt in Echtzeit vom Instrumentalisten ‚konstruiert’.“

Andrea Vigani möchte diese Art der Komposition, die ein Instrument plus Elektronik zusammenführt, mit den verschiedensten Instrumenten fortsetzen. Geplant sind Stücke für Geige, Fagott, Stimme und Bassetthorn, immer in Kombination mit Live-Elektronik und dem Zoom auf die spezifische Klangwelt des Instruments. Vigani: „In dieser Serie von Stücken bringe ich sozusagen das akusmatische Objekt und das musikalische Objekt, nämlich das Instrument selbst, zusammen. Die geräuschhaft-performative Bespielung der Instrumente löst die elektronische Komposition aus, die wiederum aus bearbeiteten Instrumentalklängen besteht. Im Falle der Klavierversion dann also aus verfremdeten Klavierklängen, angereichert mit historischen Zitaten aus dem Werk von Schubert. Auf diese Weise treffen experimentelle Klangerzeugung, elektroakustische Musik und die Geschichte des Instruments in einer Arbeit zusammen. Dieses Zusammenwirken interessiert mich.“

 Text & Foto: Till Kniola

 Weiterführende Informationen: http://www.composers21.com/compdocs/vigania.htm

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