Diskussion zur Ausstellung

Denise Rothdiener zu »ARTandPRESS«

Beobachtungen einer Hassliebe

Presse schafft Öffentlichkeit. Kunst braucht Öffentlichkeit. Diese beiden Sätze müssen Sie sich in einer endlosen Verkettung und Wiederholung denken. Zunächst ist es einfach: ohne den Input der Kunst könnten die FeuilletonistInnen höchstens deren Abwesenheit beklagen und vermutlich ihr Ressort nicht lange legitimieren. Die RedakteurInnen durchforsten die Kulturlandschaft, besuchen Eröffnungen, Ausstellungen und Galerien, immer mit dem Ziel, die zu einem bestimmten Zeitraum relevanten Positionen aufzuspüren, zu selektieren um diese potentiell für alle zugänglich zu machen. Die als relevant eingestuften Informationen werden also in einen Rahmen aus journalistischen Qualitätskriterien eingefügt – Wolfgang Donsbach hat bereits unter dem Stichwort „Normen“ darauf verwiesen.

Betrachtet man die Kunst isoliert, in ihrem Kern, so ist die Grundannahme von Öffentlichkeit nicht unbedingt gegeben. Wenn wir aber Kunst als Kommunikationsmittel im luhmannschen Sinne betrachten, wird sie automatisch mit ihrer Umwelt, mit einer Öffentlichkeit konfrontiert.  Um diese Interdependenz soll es hier gehen. Der Kunstbetrieb hat aus unterschiedlichen Gründen ein Interesse an der Wahrnehmung durch die Presse. Neben ökonomischen Zielen ist Aufmerksamkeit der über allem thronende Grund; sie verspricht Anerkennung, Image-Gewinn und Folge-Projekte. So werden allerlei Steuerungsinstrumente bemüht, welche die KritikerInnen zähmen und wohlgesonnen stimmen sollen. Herbeigesehnt wird die Lobesrede, während man einem Verriss mit Sorge entgegenblickt, wissentlich, dass dieser meist nicht das Schlimmste ist. Denn am meisten gefürchtet ist etwas anderes, nämlich die Nicht-Aufmerksamkeit, die Ignoranz. Wer in der Presse nicht auftaucht, findet nicht statt. Wie ist es um die Beziehung von Kunst und Presse bestellt, was macht die besondere Qualität dieser Hassliebe aus?

„Das Kunstsystem vollzieht Gesellschaft an sich selbst als exemplarischem Fall. Es zeigt, wie es ist.“ (Luhmann, Niklas: Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt a.M. 1995, S. 499). Kunst und Presse vereint in gewisser Weise eine gesellschaftliche Meta-Perspektive: beide arbeiten sozusagen im Querschnitt, generieren ihren Output primär aus der Beobachtung anderer Systeme und bündeln Themen. Beide fangen einen gesellschaftlichen Geist ein, spüren nach, welcher Wind weht, schaffen größere Zusammenhänge und Bezüge, stellen Fragen. Dabei sind ihre Kommunikationsmittel verschieden: die Publizistik kommuniziert über die Medien, die Kunst über das Kunstwerk. Die Verarbeitung der ausgewählten Informationen folgt demnach jeweils systemimmanenten Gesetzen, die der exklusiven Zuständigkeit des Systems obliegen.

Ihrem Wesen nach sind die Kunst und die Presse gewillt Öffentlichkeit herzustellen. Nach der Beobachtung der Gesellschaft durch Selbst- und Fremdbeobachtung ihrer Teile (Marcinkowski, Frank: Publizistik als autopoietisches System. Opladen 1993) geben sie ein umgeformtes, neu gestaltetes Konglomerat wieder an diese zurück.

Wir alle sind potentiell Publikum und damit die empirische Größe der Öffentlichkeit. Erst der Rezipient/ die Rezipientin vermag mittels Interaktion Kommunikation im eigentlichen Sinn herzustellen und entscheidet dabei über Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit. Publizität ist letztlich also eine Gemeinschaftsleistung von LieferantInnen und AbnehmerInnen, von JournalistInnen und ihrem Publikum. Je größer das Publikum, desto wichtiger wird ein Thema eingestuft. Gleichzeitig wächst der Kommunikationsdruck, je mehr Personen von einer Sache wissen und darüber reden.

„Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern“, gilt trotz Online-Angeboten und Zeitungs-Apps immer noch. Informationen sind fragile Gebilde und oft nur Eintagsfliegen. Dass die Kunst diese Zeitspanne überdauert, dazu kann ihr die Zeitung ein Vehikel sein – auch, wenn sie selbst schon längst in der Altpapiertonne entsorgt oder als Material in Kunstwerke integriert wurde.

 

Denise Rothdiener (*1981) studierte Germanistik, Journalistik und Kunstgeschichte in Bamberg und Pisa. Sie arbeitet im Bereich Public Relations, schreibt und denkt dabei gerne über Kunst, Gender und Gesellschaft nach.

Foto: Anny Maurer © Denise Rothdiener

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