Diskussion zur Ausstellung

Annika Bunse zu »ARTandPRESS«

“I believe in advertisement and media completely. My art and my personal life are based in it.” Jeff Koons

 

Auf der Suche nach Wahrheit treffen sich Kunst und Massenmedien auf Augenhöhe. Sie beobachten einander. Künstler wie Jeff Koons, die mit Erzeugnissen aus Konsum- und Alltagskultur arbeiten, kommen an der Darbietung von Wirklichkeit durch die Presse nicht vorbei, steht sie doch mit verschränkten Armen hinter jedem relevanten Ereignis – mit Anspruch auf Deutungshoheit.

Wenn dann jedoch ein Künstler in den vermeintlichen Spiegel der Gesellschaft schaut, kommt eine weitere Ebene zum Vorschein. Die Kunst entdeckt unter dem schönen Schein von „Ist-so“-Postulaten vielleicht Verzerrungen, fragt nach dem „Hohl-„ oder „Parabol-“ dahinter: Was steht im Brennpunkt, was nicht? Was ist purer Glanz und wie werden Rezipienten verblendet? Schlussendlich: Warum sehen die Medien ihren eigenen blinden Fleck nicht?

Der Blick des Künstlers ist produktiv, fragt intentional zum Thema Kritikfunktion der Medien nach, leistet eine Metakritik, erweitert also die Deutungsdimension um eine Ebene und zeigt so das Spiegelbild im Spiegel.

Offen bleibt, wie lange es noch in dieser Form zu sehen ist. Werke, wie die „Buchstaben“ von Anselm Kiefer, konfrontieren den Betrachter unweigerlich mit dem Verfall, dem Verschwinden der Presse. Sie erklären das gedruckte Werk für tot, obwohl täglich Massen an Zeitungen gedruckt und gelesen werden – wie eine Todesanzeige für einen Lebendigen. Ist das bloße Mahnung oder schon Leichenfledderei?
Kiefers Kunstwerk, das in der Ausstellung „ARTandPRESS“ zu sehen war und jetzt im ZKM in Karlsruhe gezeigt wird, sagt den Untergang der Zeitungslandschaft ungeschont voraus. Seine verrottenden Druckerpressen verdeutlichen: Es ist vorbei, Print verschwindet, weil er nichts mehr erreichen kann. Graue Klötze ohne Funktion stehen da in seiner apokalyptischen Welt, verrostend und nutzlos, eine Müllhalde vergangener Tage, der Schrottplatz gedruckter Eitelkeiten, mit Salzkruste überzogene Buchstaben sterben vor sich hin. Kiefer zeigt das große Zeitungssterben. Eine mehr als direkte Metapher.

Vielleicht war ich auch deswegen zweimal in Ausstellung in Berlin: In den Kunstwerken antworten die Anderen. Künstler wagen zu sagen, woran wir Journalisten nicht im Traum denken wollen. In dieser Ausstellung laufe ich durch den sterbenden Pressewald. Bei der Pariser Künstlerin Gloria Friedmann hallt das lautlose Röhren des letzten Platzhirsches auf dem Tageszeitungsberg durch die Räume. Bei Olaf Metzel steht man dann mitten im Auge des Sturms – ein Wirbelwind, worin die letzten Seiten des Tages tanzen. Der Titel des Werks von 2010 heißt doppeldeutig: „Und dann noch das Wetter“.

In der großen Halle steht dann Kiefers riesige Installation. Ich verweile dort melancholisch staunend. Rostige Druckerpanzer strecken ihre Fühler aus, erreichen nichts mehr, vertrocknen. Ihre Runen sind nutzlos, von grauer Emaille überzogen. Mich fröstelt bei dem Anblick der erstarrten Presselandschaft.

Mit Blick auf Kiefers kalte Todeserklärung an meinen Berufsstand, seine unheimliche Stilllegung des Buchstabens, denke ich, dass Kunst wie eine Hyäne ist. Sie verfolgt – genauso wie die Presse selbst – sofort etwas Geschwächtes, Sterbendes, weil es am delikatesten und am besten auszuschlachten ist, wenn es langsam vor sich hin siecht. Morbidität herrscht in der Kunst vor wie auch in den Medien. Ein Boulevardblatt hätte es nicht besser machen können als Kiefer. Sein Werk hat genau dieselbe Durchschlagskraft wie ein lauter, greller Todes-Titel in der „Yellow Press“. Seine „Buchstaben“ sagen nur himmelschreiend leise: „Wir sterben“.

Denkt man wieder an Gloria Friedmanns Werk, so wurde der ehemalige Platzhirsch Zeitung angeschossen. In seinem Straucheln läuft er noch weidwund der Kunst vor die Flinte. In der „ARTandPRESS“-Ausstellung bekommt so jeder Journalist die schmerzliche Vergänglichkeit seines eigenen Berufsfeldes vor Augen geführt. Er muss nur die einzelnen Ausstellungsstücke zusammensetzen.

Peter Weibel analysiert in einem Video, wieso das Sterben der Tageszeitung als künstlerisches Sujet so prominent ist: „Wir wissen ja, dass sich Kunst immer gerne auf Dinge draufsetzt, die beginnen zu sterben. Kunst ist gewissermaßen interessiert an Kadavern und jetzt stellt sich heraus, die Zeitung selbst liegt jetzt im Mittelpunkt der künstlerischen Produktion.“ Ironischerweise ist es deshalb mit der Zeitung so wie bei vielen großen Künstlern: Sie müssen erst sterben, um in die Zeitung zu kommen oder Gegenstand des Schaffens der nachfolgenden Generationen zu werden.

Auf diese Weise stehen Fernsehen, Radio, Zeitung und Online mit Kunst in einem Wechselspiel, manchmal sogar im Dialog. Das liegt vielleicht daran, dass beide vom Grundsatz her Medien sind, bilden sie doch mit kritischem Bewusstsein gesellschaftliche Prozesse ab, fixieren, analysieren sie in genauestens in ihrer Eigengesetzlichkeit. Sie sind beide selbst vermittelndes Element: Massenmedien erfüllen diese Aufgabe durch kontinuierliche Berichterstattung. Kunst nimmt sie wiederum auf, spielt, variiert mit ihr und eröffnet den Dialog. Um es mit Paul Klee zu sagen: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Sie verdeutlicht also auch, wie Medien kommunizieren und nicht nur, was sie kommunizieren.
In der »ARTandPRESS«-Ausstellung redet die Kunst mit mir, der Journalistin. Als ich sie zum zweiten Mal in Berlin besuche, stehe ich wie gebannt in einem großen Raum, den Barbara Kruger mit Wanddrucken gestaltet hat. Durch eine ganz einfache Versuchsanordnung bringt die Künstlerin da das journalistische Weltbild durcheinander. Sie gibt dem Buchstaben die Macht.

Sonst stammt er aus meiner Feder oder lässt sich einfach tippen, gibt folgsam meine Gedanken in Worten wieder. Doch hier ist es andersrum: Riesengroß prangt er weiß auf schwarz an der hohen Wand, dominiert majestätisch den Raum, lädt still zur Audienz. Als ich ihm in einer 360 Grad-Drehung folge, Wörter, die aus ihm entstehen, lese, sagt er etwas, das für jeden Journalisten gelten sollte: „Hüte dich in die Pose des abgeklärten Zuschauers zu verfallen.“

 

Annika Bunse, Jahrgang 1983, studierte Germanistik, Journalistik und Philosophie an der Uni Bamberg und Universidad Pontificia de Salamanca. Parallel dazu baute sie das Studentenradio “Uni-Vox” auf. Heute lebt sie in Berlin, promoviert über „Kokainliteratur der Moderne“ mit einem Graduiertenstipendium und ist als Online-Journalistin mit Multimedia- und Video-Schwerpunkt für Welt und Berliner Morgenpost tätig. Ihre Schwerpunkte als Autorin sind Kultur, Literatur, Technik, Wissenschaft und die Schnittstellen dieser Bereiche. Sie schreibt für verschiedene Blätter und Online. 2012 gewann Bunse den 1. Platz des Axel-Springer-Preises für junge Journalisten mit ihrem Feature über DDR-Flüsterwitze und wurde „dpa news talent of the year“, ebenfalls 1. Platz.

Foto: Viola Glaubitz

  • Patrick Heinz
    September 25, 2012 //

    Liebe Frau Bunse, auch ein journalistischer Text kann kunstvoll sein, wie Sie hier selbst beweisen. Der Blick einer Journalistin auf den Verfall der Presselandschaft wirkt so ganz anders als die theoretischen Erörterungen. Er trifft sowohl rational als auch emotional, obwohl das Letztere eigentlich nicht Gegenstand Ihrer Profession sein sollte. Doch in diesem Falle ist die Eigenbeteiligung nun nicht wegzudenken und muss deshalb auch sein. Bei Ihnen erfolgt sie sehr klug, denn Sie vergessen nicht einzuordnen und reflektieren verschiedene Positionen, lassen aber m.E. den Rezipienten zu stark außen vor. Das sei Ihnen aber aufgrund der erzählerischen Schönheit, der Textkunst also, verziehen. Herzliche Grüße, Patrick Heinz

  • Annika Bunse
    Oktober 2, 2012 //

    @ Patrick Heinz
    Vielen Dank für Kompliment und Kritik. Sie haben Recht, ohne Eigenbeteiligung ist solch ein Text nicht denkbar, das liegt im Wesen der Sache. Ich habe bewusst einen Rundgang durch die Ausstellung gewählt, weil mein Blick und Text die journalistische Beobachtung der künstlerischen Interpretation oder Bestandsaufnahme zum Thema Zeitungssterben bieten soll.
    Weil ich dieses Topoi als zentral betrachtet habe, wird auch der Rezipient ein wenig außen vor gelassen, das ist richtig. Allerdings ist das Thema Rezeption nochmal ein ganz eigenes Feld für sich und mindestens Stoff für einen zweiten Artikel. Wir Journalisten müssen uns eben beschränken. Das ist auch eine Kunst!
    Schöne Grüße aus Berlin,
    Annika Bunse

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  • Georg Bischof
    März 22, 2013 //

    Liebe Frau Bunse, Herrn Heinz Meinung kann ich mich nicht anschließen. Ich finde Ihren Text selbstmitleidig in einer Zeit in der das geschriebene Wort noch nie so gewaltig und demokratisch genutzt wird wie heute. “Buchstaben“ sagen nur himmelschreiend leise: „Wir sterben“.” ….. haben Sie nicht mitbekommen das eine digitale Revolution eingesetzt hat. Das Wort Presse um es mal wörtlich zu nehmen, bedeutet nichts anderes als das etwas gepresst, also gedruckt wird. Und heute druckt jeder der eine Tastatur hat. Auch ich gerade indem ich diese paar Sätze schreibe mache Presse. Journalist kann heute jeder werden. Und das ist gut so. Die Gedanken sind frei. Tut mir leid. Reicht es nicht das Jahrtausende es nur einer auserwählten Gruppe gestattet war die Geschichte in Worte zu fassen. Anfangs waren es Bibelschreiber die den Glauben gedreht und verdreht haben wie es Ihnen gepasst hat. Später waren es Bildzeitungsjournalisten die der Masse eine Meinung geben. Das ist die Revolution. Die Menschen wollen authentische Buchstaben. Und die lesen Sie heute bei facebook, in Blogs und in Kurznachrichten auf dem Handy und nicht in aufwendigen, verkopften Publikationen. Das brauchen wir nicht mehr. Die Zeit des selbs ernannten Adelsgeschlechtes ist auch hier Vergangenheit. Die Buchstaben sind frei!!! Liebe Grüße Georg Bischof

  • Jacob Birken
    März 27, 2013 //

    @Georg Bischof. Ein “Danke” in Anführungszeichen für diesen Beitrag, der in nur zwei Sätzen zwei große und immer wiederkehrende Probleme unserer Gesellschaft aufzeigt. Sie schreiben: “Die Menschen wollen authentische Buchstaben. Und die lesen Sie heute bei facebook, in Blogs und in Kurznachrichten auf dem Handy und nicht in aufwendigen, verkopften Publikationen.” Problem #1: Der Populismus, der sich in Aussagen wie “die Menschen wollen” äußert, und in der Annahme, dass der Autor das eben weiß (und Annika Bunse als Kritisierte dann offensichtlich nicht?). Problem #2: Der Antiintellektualismus, der sich in Begriffen wie “authentisch” oder “verkopft” zeigt – sprich, alles deklassiert, was nicht auf ein unmittelbares emotionales Minimum reduziert ist, was niemanden überfordert. Aber Kunst, Kultur und auch die Presse sind mitunter dafür da, um Menschen zu überfordern – Ihnen zu zeigen, dass Wahrheit und Wirklichkeit eben komplexer sind als Slogans und Meinungen. Die Angst davor ist das, was Kant mit “selbstverschuldeter Unmündigkeit” beschrieben hat; sie ist zwar durchaus nachvollziehbar, aber ausgesprochen gefährlich. Sie nehmen offenbar an, dass das die Abschaffung des professionellen Journalismus innerhalb der Medien zu Freiheit und Demokratie führen wird. Das ist falsch. Sie wird lediglich dazu führen, dass es keine Süddeutsche mehr geben wird und keine FAZ und keine ZEIT, sondern nur noch die BILD.

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