Diskussion zur Ausstellung

Abschluss der Blogdiskussion

Die Redaktion des ZKM | Blogs bedankt sich bei allen GastbloggerInnen und Kommentatoren für Ihre interessanten Stellungnahmen und Ansichten zum Thema „Zeitung“ und dessen Relevanz in der Kunst.

Die Diskussion nahm ihren Auftakt mit einem Beitrag von Jacob Birken, der die Arbeit der Presse gleichermaßen als Maskierung und Demaskierung thematisierte. Er beschreibt die Janusköpfigkeit der Presse, die einerseits eine Meinung postuliert, im gleichen Atemzug aber – nur auf ein anderes Blatt gedruckt – zu deren Kritiker werden kann. Die Quintessenz von Birkens Text („Der Druck eignet sich gleichermaßen zur Erhaltung des Systems und zu dessen Kritik“) ist bezeichnend für das Dilemma, in dem sich die Presse seit der Erfindung des Druckverfahrens bis heute befindet. Dieses Dilemma macht auch vor der modernen Kunst nicht Halt, da Kunst(-werke) und deren Wahrnehmung Raum für die verschiedensten Interpretationen geben, was nicht zuletzt in der medialen Resonanz zur Ausstellung „ARTandPRESS“ deutlich wird. Ob letzten Endes nun versucht wird für oder gegen eine Sache zu argumentieren, durch das Aufmerksam-Machen wird Öffentlichkeit erzielt – der Rest fällt der Auslegung durch Dritte zum Opfer. Dies kann für die Presse wie für die Kunst teils Segen aber auch Fluch bedeuten.

Annika Bunse hingegen suchte in ihrem Beitrag vielmehr dem Thema der Wahrheitsfindung auf den Grund zu gehen. Dabei gehen Kunst und Massenmedium (wie die Zeitung) eine polyvalente Symbiose ein, sie lassen sich verschmelzen, wobei sie sich eigentlich abstoßen müssten – es entsteht eine, nicht zuletzt von Denise Rothdiener als „Hassliebe“ formulierte, Anziehungskraft. Im Zuge dessen fragt Annika Bunse nach dem „blinden Fleck“ der Medien und warum sie diesen bei sich selbst nicht ausfindig machen können (oder wollen), obgleich sie bei allen Anderen, die sie ins Visier nehmen, gezielt ins Schwarze treffen. Wenn Zeitung also den Spiegel der Gesellschaft darstellt, so eröffnet der kritische Blick des Künstlers „das Spiegelbild im Spiegel“. Kunst legt das nicht Offensichtliche offen und demaskiert damit die Presse selbst, die sich hinter ihrem aufklärerischen Anspruch zu verstecken sucht. Somit gehen Presse und Kunst nicht selten ein Katz-und-Maus-Spiel ein, zwischen Aufmerksamkeit erhaschen (Kunst) und Aufmerksamkeit von sich selbst ablenken (Presse) wollen. Zwischen andere Schwächen bloßlegen, die Eigenen verbergend. Ein Wechselspiel, das auch Jacob Birken in seinem Beitrag beschreibt.

Wolfgang Donsbach sieht im Gegensatz zu Peter Weibel die Tage der Presse als „politische Interessenvertretung“ gezählt. Donsbach erklärt, er „erwarte von den Nachrichtenmedien sachliche Information und Aufklärung, nicht Propaganda.“ In erster Linie geht es bei der Pressearbeit um die Sichtung der Gerüchte von wirklich Wissenswertem, der Trennung der Spreu vom Weizen auf dem global und täglich überbordenden Buchstabenfeld. Dezidierte Recherche und die Qualität der Inhalte macht Journalismus erst zur Profession. Die Vertretung politischer Interessen sollte hingegen Aufgabe der Parteien bleiben. Als die zentrale Aufgabe der Presse sieht Donsbach die Herstellung eines gesellschaftlichen Diskurses, worin der Journalist als Mediator, als ein Vermittler von Wissen fungiert.

Mirko Jungkunz stellt den Begriff des „Zeitungslesers“ zur Diskussion und welche Rolle diesem – im Gegensatz zu dem früheren, elitären Leserkreis – heute noch zukommt. Geht es beim heutigen Zeitungslesen noch um den idealistischen Bildungsanspruch, den Erkenntnisgewinn, oder muss das Bild des sich stetig selbstfortbildenden Zeitungslesers heutzutage einer grundsätzlichen Revision unterzogen werden? Jetzt, da die neuen Medien Einzug halten und einem jeden Konsumenten durch neue Eindrücke ständig neue Wünsche suggerieren und damit letzten Endes alles Eigene, Identitäre, mehr und mehr verschlingen? Und nicht zuletzt: Ist es dann nicht wiederum Aufgabe der Kunst diesem Negativtrend Einhalt zu gebieten? Ja ist es, nach Jungkunz’ Einschätzung, denn „Wahrheit und Kunst verbinden sich im klassischen Sinn dann, wenn Kunst dem Menschen einen handlungsleitenden Impuls für die sinnvolle Ausgestaltung von Gemeinsamkeit bieten kann.“

Während die Kunst als Ergänzung oder Korrektiv der anderen „Kunst“ (Schreibkunst, aka Journalismus) verstanden wird, da sieht Denise Rothdiener die Kunst vielmehr in der Position des „Nutznießers“, der eben jene Öffentlichkeit zuteil wird, die durch die Presse erst erzeugt wird. Die mediale Präsenz, die Aufmerksamkeit, von der die Kunstszene profitiert ist nicht zuletzt der Verdienst von Feuilletonisten: „Presse schafft Öffentlichkeit. Kunst braucht Öffentlichkeit.“ Das „Aus“ für die Kunst wäre nicht eben die ein oder andere schlechte Rezension, sondern vielmehr die „Nicht-Aufmerksamkeit, die Ignoranz“. Kunst kann aber auch für sich stehen (sie muss es nur noch lernen); sie legitimiert ihre Existenz oder ihre Entwicklung nicht rein aus der öffentlichen Wahrnehmung. Denise Rothdiener sieht die Presse, aber auch die Kunst, als Mittel und „Vehikel“ für in der Gesellschaft stattfindende Kommunikation: „Beide fangen einen gesellschaftlichen Geist ein, spüren nach, welcher Wind weht, schaffen größere Zusammenhänge und Bezüge, stellen Fragen.“

Die Herstellung eines öffentlichen Diskurses durch die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung erachten Peter Weibel und viele der hier vertretenen GastbloggerInnen als eine der Hauptaufgabe von Zeitung und Kunst. Durch die Äußerung von Kritik, aber auch durch eigene Kritikfähigkeit (der Wahrnehmung des eigenen „blinden Flecks“) wird ein breites Spektrum von Meinungen aufgefächert, das im Wechselspiel immer neue Impulse in der Gesellschaft setzen wird.

Die Redaktion

 

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