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Mary Quants Minirock, Vidal Sassoons Bob und die Fab Four

Hier sind sie – die allfälligen Namen der Jugendzeit. Die Namen derer, von denen man immer hörte, deren Lieder im Radio gespielt wurden, die man in Filmen sah, deren Bilder hier und dort auftauchten. Die Plattencover im Schrank der großen Schwester und ein entferntes Mithören von Geschichten.

Was also hat ein in den sechziger Jahren geborener Mann über das London der 1960er-Jahre zu erzählen, einer Zeit, in der er selbst gerade erst aus den Windeln und in die Schule kam? Kaum älter als die Rezensentin, mithin also aus der gleichen Generation.

Ein Überlebender im Sinne des Zeitgenossen, der sich auf alle auch noch so gefährlichen Selbstexperimente eingelassen und diese überstanden hat, ist er gewiss nicht. Aber auch so gelingt es ihm, diese Zeit lebendig werden zu lassen. Die in den Texten immer wiederkehrenden Zeitsprünge, in denen man sich innerhalb weniger Sätze mal vor, mal zurück bewegt, verwirren zuweilen, geben aber gleichzeitig auch etwas von ebendieser Atmosphäre wieder, die im London der 1960er-Jahre geherrscht haben mag.

Es ist die Atmosphäre einer Gruppe von Menschen, die Kulturgeschichte schrieben. Keine in sich geschlossene Gruppe, aber eben doch nur eine Szene von vielleicht 2500 Menschen in der damals knapp 8 Millionen Einwohner großen Stadt. Gleichwohl gingen in dieser Zeit ganz wesentliche Impulse von dort aus und strahlten in den Rest der Welt aus. Natürlich ist es auch und im Wesentlichen die Hoch-Zeit der „fab four“ – der Beatles, die „Trendsetter“ schlechthin.

In drei Zeitabschnitten (1956–1963, 1963–1966, 1966–1970) jeweils in mehrere Kapitel gegliedert, bietet das Buch auf nahezu 370 Seiten zahlreiche Bilder und interessante Informationen über die Ikonen meiner, vielleicht unserer, Kindheit und frühen Jugend. Wie der Untertitel verspricht, sind alle Bereiche der Kunst und Kultur vertreten, und leicht stellt sich das Gefühl ein, dass auch alle mit allen irgendwie zusammenhingen.

Womit fing alles an und warum war es ausgerechnet London, das zur „swinging“ city wurde? Was war das Lebenselixier und was hat das Ende dieser aufregenden Zeit eingeläutet? Diesen Fragen geht Rainer Metzger in seinen flüssig geschriebenen Texten nach. Ergänzt um entsprechende Register und kurze Biographien von über 170 erwähnten Personen – bei Vidal Sassoon dem Trendsetter der „Kopfbekleidung“ wäre nun zu aktualisieren: gestorben im Mai 2012 in Los Angeles – bietet das Buch viele Anreize, ausgiebig zu schmökern und nachzulesen über eine Zeit, in der man vielleicht schon Teil der Erdbevölkerung war, sie aber dennoch hauptsächlich in den Nachwirkungen bewusst erlebte.
Einziger Wermutstropfen im Gebräu: das Buch ist mit 49,90 Euro nicht ganz billig, aber ein schwergewichtiger, bilderreicher Band über eine lebhafte Zeit.

Mir jedenfalls gefällt dergleichen. Mehr davon!

Text: Petra Zimmermann

 

Im Mai 2012 stellte Rainer Metzger sein neues Buch im Rahmen einer Lesung am ZKM vor.

Im Anschluss an die Präsentation seines Buches »Swinging London« tauscht der Autor Rainer Metzger mit Barry Miles und Peter Weibel Anekdoten über die wilden 1960er-Jahre der Londoner »Beat-Generation« aus. In dieser Dekade, mitunter vom exzessiven Drogenkonsum der Künstler und Musiker bestimmt, werden die Anfänge jener Pop-Kultur sichtbar, die London zur angesagten Kunstmetropole avancieren lässt.

Neben der Diskussion ob Paul McCartneys (als Teil der sog. Fab Four, der »Beatles«) eher dem cultural oder dem counter-cultural movement zuzurechnen sei, eröffnet Barry Miles interessante Einblicke in die ersten Begegnung von Yoko Ono und John Lennon im Jahre 1966. Anlässlich des »Destruction in Art Symposium« (zu dem u. A. auch Peter Weibel geladen war) wurde Yoko Ono gebeten, als bedeutende Vertreterin der Fluxus-Bewegung, ihr Werk »Cut Piece« aufzuführen. Am Vorabend zur Vernissage begegneten sich die japanisch-amerikanische Künstlerin und der Beatles-Star zum ersten Mal und verliebten sich schlagartig ineinander.

 

Buchtipp:

Rainer Metzger »Swinging London: The Sixties Leben & Kultur 1956–1970«, Musik, Mode, Design, Film, TV, Fotografie, Malerei, Architektur, Theater, Literatur. Bildauswahl von Christian Brandstätter
Wien: Brandstätter Verlag, 368 S. : 342 Abbildungen
ISBN 978-3-85033-356-6, 49,90 EUR

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  • Yves
    August 21, 2012 //

    Schöner Beitrag! Lustig, dass in der Heading etwas von den Fab Four steht, dann aber ein Foto der Stones zu sehen ist. Hihi…

    • Redaktion
      August 24, 2012 //

      @ Yves: Gute Beobachtung, wir werden uns um ein passenderes Bild für diesen Beitrag bemühen!

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